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Schlagwort: Robert Koch

Historische Irrtümer richtig stellen

Ein wahres Meisterstück ist Jürgen Zimmerer gelungen. Herr Zimmerer, Professor,  für Geschichte, und zwar für afrikanische, schafft den Brückenschlag vom Kampf gegen Corona zum Kampf gegen Rassismus. Er plädiert für die Umbenennung des Robert-Koch-Instituts. Besagte Einrichtung und damit auch ihr Namensgeber war in den vergangenen Monaten „Dauer“ Medienpräsenz.  Stimmen, dem Institut nach solle der Name entzogen werden, gab es in jüngster Vergangenheit schon ebenfalls. Allerdings mit dem Argument, das Robert-Koch-Institut habe in der „Corona-Krise“ ein erbärmliches Bild abgegeben und sei den von Koch hochgehaltenen wissenschaftlichen Standards in keiner Weise gerecht geworden.

Zimmerer will aus einem ganz anderen Grund umbenennen. Irgendwie sei dieser Koch zwar ein Medizin-Pionier, Bakteriologie, Tuberkulose, Milzbrand, Infektionskram und so weiter, aber… aber eben vor allem ein Rassist. Der „koloniale Rassismus“ sei es gewesen, der ihm bei seinen Forschungen in Afrika über die Schlafkrankheit – die er ausschließlich aus kolonial-wirtschaftlichen Gründen vorgenommen habe – weniger Rücksicht auf die „Afrikaner*innen“ nehmen ließ. Bei seinen Forschungen nach einer wirksamen Therapie habe Koch Nebenwirkungen „offenbar billigend in Kauf genommen“, so der Afrika-Historiker. Und er fragt: „Ist der Name Robert Koch für das 21. Jahrhundert noch geeignet? Kann er wirklich als Leitbild dienen, hat er die Ehre verdient, Namensgeber eines so wichtigen Instituts zu sein? Das ist nicht zuletzt auch eine Frage an die Bundesregierung. Denn wenn es die Große Koalition ernst meint mit der Aufarbeitung des kolonialen Erbes, zu der sie sich im Koalitionsvertrag verpflichtet hat, dann kann man den in kolonialen Diensten reisenden Mediziner Robert Koch wohl kaum als Vorbild hinstellen.“

Robert Koch, Emil Behring, Paul Ehrlich und Rudolf Virchow, sie alle forschten in jener Zeit an der Charité, dem größten Krankenhaus Berlins.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Robert Koch Charité

Robert Koch ist natürlich nur eine der unsäglichen Erscheinungen der Vergangenheit. Daher holte Herr Zimmerer vor wenigen Tagen auch gleich zum Rundumschlag in puncto Denkmäler aus. Im ARD-Morgenmagazin konnte man es sehen und hören: „Solche Statuen“ – Ausgangspunkt war hier die Edward-Colston-Statue in Bristol, die von geschichtsbereinigenden „Aktivisten“ kurzerhand im Avon versenkt wurde, was der Professor für ein „Event“ hält – „muss man nicht nur kommentieren, das ist das Mindeste, sondern man muss sie zu Gegendenkmälern machen und mein Vorschlag wäre, solche Statuen einfach hinzulegen oder auf den Kopf zu stellen oder zu brechen. Man könnte auch andere Denkmäler, wie zum Beispiel das Humboldt-Forum, das ja neugebaut wird, das preußische Schloss, die Fassade mit Stacheldraht aus den Konzentrationslagern brechen, sodass die Sehgewohnheit herausgefordert wird und wir in eine Auseinandersetzung mit der Geschichte, die dahinter steht, gezwungen werden.“

Es gab einmal eine Generation von Historikern, die hätte eingewandt, dass das Erklären und das Einordnen Aufgabe ihrer Profession sei, nicht das Richten. Oder das Vergleichen, die Hinweise auf Dimensionen, Unterscheidungen, vergangene Epochen. Dass nicht jede Passage eines vor über 200 Jahren verfassten Werkes auch heute vorbehaltlos bejubelt werden muss und es trotzdem von einem Meisterdenker verfasst sein kann. Dass Persönlichkeiten die Wissenschaft vorangebracht haben – zu unserer aller Segen übrigens –, deren ethische Maßstäbe in ihrer Zeit als völlig normal galten, nach unserer Auffassung jedoch als inhuman angesehen werden. Dass kaum eine mittels Denkmal geehrte Persönlichkeit der Gutsmenschenvorstellung auf Zwölfjährigen-Niveau entspricht. Falls wir seit Anbeginn der Geschichte in einer Art paradiesischem Kommunismus leben würden, allerdings möglicherweise noch immer in Höhlen, wenn der Mensch nicht so wäre, wie er ist. Dass sich Beifall für den spontan Denkmal-stürzenden Mob in jedem Fall verbietet, insbesondere in einem demokratisch verfassten Gemeinwesen, welches zivilisierte Wege der Konsensfindung in Streitfragen kennen sollte. Dass man nicht auf Gräber spuckt.

Aber das ist wohl dann schon eher eine Benimm-Frage?

Hypermoral, ahistorische Beschränktheit, Hermeneutik, verpenntes Proseminar, Barbarei oder Dummheit wären weitere Stichworte. Besagte Historiker-Generation, die derartige Dinge aufs Tableau bringen würde, ist offenbar ausgestorben. Vielleicht gut so, denn damit bleibt es ihr erspart, darüber nachzudenken zu müssen, warum man die wiederaufgebaute Berliner Schlossfassade mit KZ-Stacheldraht „brechen“ sollte.

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